Statische und biomechanische Unterschiede bei verschiedenen Völkergruppen - M.A.Visbeen

Einführung
Don Visbeen ist vor ca. 1 Jahr nach Surinam zurückgekehrt.
Bereits zwei Jahre zuvor war er einige Monate in Paramaribo und gab in Zusammenarbeit mit der Pan American Health Organisation und „Pro –Uit“ einen Kurs „Der Diabetische Fuß“ für Ärzte. Auch das Pflegepersonal im Lands Hospital Paramaribo bekam von Don eine Ausbildung.
Weiterhin ist er aktiv beim nationalen Projekt „de diabetische voet“, wo vor allem an der Aufklärung und Prävention des diabetischen Fußes gearbeitet wird. Dies alles ist ein lobenswertes Projekt woran sowohl Regierungsorganisationen als auch nicht gebundene Organisationen mitwirken.

Fußversorgung in Surinam (Paramaribo)
Qualitativ und quantitativ liegt die Fußversorgung bei einem Stand wir vor ca. 50 Jahren in den Niederlanden. Es gibt kein deutliches Berufsbild, die Fußpflege wird fast nur durch Teilzeit arbeitende Frauen durchgeführt. Es sind hauptsächlich Schönheitssalons, welche die Fußpflege (Kosmetik) mit anbieten. Es existiert nur eine unklare Ausbildung - ohne Zusammenarbeit.
Nur die Stiftung „Pro-Uit“ organisiert eine längere Ausbildung, ansonsten dauern die Ausbildungen nur ca. 6 Monate. Es gibt zu wenig gute Fachdozenten, keine Weiterbildungs-programme und Literatur. Ab und zu findet ein Kongress des „St. Vincentius Krankenhaus“ statt - in Zusammenarbeit mit der Podotherapieausbildung in Eindhoven.
Ca. 10 Fußpfleger haben sich jetzt zusammengeschlossen mit dem Ziel, den „diabetischen Fuß“ bekannter zu machen Sie haben alle die Ausbildung von Don bekommen und arbeiten gut mit den Ärzten zusammen. Einer der Kursteilnehmer hat weitere Kurse besucht und ein Praktikum in den Niederlanden absolviert. Er arbeitet jetzt am R.K. Krankenhaus in Paramaribo.
Der diabetische Fuß kann nur multidisziplinär behandelt werden.
Diabetes ist in Surinam ein Riesenproblem. Sowohl die Amputationsrate als auch die Sterberate liegt höher als in den umliegenden Ländern.
Es leben sehr viele verschiedene Bevölkerungsgruppen in Surinam.
Die 2 größten Gruppen sind:

  • Creolen (Nachkömmlingen von Afrikaner)
  • Hindustaner (Nachkömmlinge von Immigranten aus Indien)

Vor allem in der letzten Gruppe sehen wir viel Diabetes mellitus
Ca. 25% der Hindustaner über 55 Jahren leiden unter Diabetes mellitus. Dieses Problem sieht man weltweit unter den Hindustanern. Wahrscheinlich ist das typische Hindustaner Nahrungsmuster die Ursache, aber auch genetische Ursachen werden vermutet.

Surinam ist kein Drittweltland, eher könnte man es ein Entwicklungsland nennen. Es gibt ausreichend Ärzte, Fachärzte, Physiotherapeuten etc. In Paramaribo gibt es 3 Krankenhäuser und eine Universitätsklinik. Die Qualität des Personals ist gut, das Problem sind eher die Materialien und Instrumente, die entweder nicht da oder nicht in Ordnung sind.
Es gibt eine staatliche Krankenkasse aber auch diese Versorgung ist für viele sozial Schwächere noch zu teuer. Diese Gruppe bekommt nur die minimale, absolut notwendige medizinische Hilfe.

Niederländisch ist zwar die offizielle Sprache, viele Surinamer sprechen aber miteinander das Sranan oder die spezifischen Sprachen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das gibt häufig Probleme wenn ein (älterer) Patient seine Beschwerden dem Arzt erklären muss. Überweisungen in ein Krankenhaus sind ebenfalls oft schwierig.
Auch die Infoflyer in niederländischer Sprache ergeben oft ein Verständnisproblem. Daher gibt es Aufklärung über Fernsehen und Radio (in lokalen Sprachen). Wie viele Menschen diese Sendungen hören oder sehen kann aber nicht kontrolliert werden.
Das Diabetes Education Zentrum veranstaltet des öfteren einen Themenabend, leider aber fast nur in Paramaribo - während die größten Probleme in den Distrikten (auf dem Lande) auftreten.

Ein anderes typisches Problem sehen wir vor allem bei den Creolen. Viele chronische Erkrankungen werden als „Schicksal“ gesehen. Eine von Gott gegebene Krankheit, wo der Mensch nicht helfen kann: Daher wird wenig Hilfe gesucht und die Menschen sind wenig motiviert an Ihrer Krankheit zu arbeiten. Oft sucht man dann eher einen „Bonnuman“ (Kräuterheiler) aus der eigenen Bevölkerungsgruppe. Der (Fach)arzt wird dann oft zu spät aufgesucht. Hier sehen wir noch Ulcera die man in den Niederlanden nur noch vom Foto kennt. Allgemein liegen die Fußabweichungen, Fußbeschwerden und Fußprobleme in Surinam sehr hoch.

Fußbeschwerden
10 – 24 % der Bevölkerung hat Fußbeschwerden. Ursache sind alltägliche Probleme wie Standabweichungen und Überlastung. 60% haben Beschwerden im Vorfuß dieses sind dann vor allem Patienten über 65 Jahre. Beschwerden über einen Zeitraum von mehr als 4 Wochen führen schnell zu Mobilitätsverlust.
Es sind mehr Frauen betroffen. Die Patienten kommen erst nach längerer Zeit in die Praxis, meistens wegen den Schmerzen. Die weiteren Beschwerden wie z.B. Diabetes mellitus , Arthrosen, Herz- und Gefäßerkrankungen etc. schränken die Mobilität noch weiter ein.

Fußabweichungen
Fußabweichungen sind Abweichungen von Fußform, Stand oder Funktion. Es muss keine direkte Verbindung zu den Fußproblemen bestehen. Menschen mit Fußbeschwerden haben im Durchschnitt 3,2 Fußabweichungen gegenüber 1 Fußproblem.

Fußproblem
Abweichungen am Fuß, wodurch die Fußbeschwerden am besten erklärt werden können. Der Unterschied zwischen Fußabweichung und Fußproblem ist wichtig, sowohl für die Beurteilung des Fußabdruckes als auch für die Behandlung.
Eine Einteilung der Fußprobleme nur anhand der Lokalisation berücksichtigt zu wenig eventuelle weitere Krankheitsbilder wie Arthritis und Arthrose und achtet zu wenig auf den Fußtypen des Patienten. Auch der Fußbau, die Qualität der Kapsel und der Bänder, die Kraft und Motorik spielen eine Rolle. Dazu natürlich die Schuhe und die Straße auf der man geht

Zur Beurteilung des Fußabdruckes muss man beachten ,dass:

  • Alltägliche Fußbeschwerden und Fußprobleme häufig gesehen werden und oft eine Bewegungseinschränkung verursachen.
  • Das Erkennen des Fußtyps (Fußabdruckes) bei der genauen Beurteilung und Behandlung helfen kann.
  • Lange nicht alle Abweichungen von Form und Stand der Füße auch Probleme geben.

Schuhe
In Surinam gibt es keine lokale Schuhproduktion mehr. Die meisten Menschen laufen auf billigen Schuhen aus China oder Brasilien etc. Es sind noch keine semi-orthopädischen Schuhe zu bekommen. Zusammen mit „Onze Vlag“ und „podo medi“ wird jetzt ein Programm gestartet um die semi-orthopädischen Schuhe „X-Sensible“ nach Surinam zu bekommen.
Zudem wird ein Infoflyer über Diabetes erstellt. Dieser Flyer konnte auch dank finanzieller Hilfe der I.F.P.B.-Mitglieder gemacht werden. Die Patienten werden über den Inhalt der Flyer interviewt.
Weiterhin wird der Flyer in Präventionsprogrammen verteilt.
Da Fußabweichungen am besten definiert werden können als Abweichungen der Fußform, -stand, -funktion, ohne dass es eine Verbindung zu den Fußbeschwerden geben muss haben wir eine Untersuchung gestartet mit dem Ziel:
Gangbildwinkel, Spurbreite, Schrittlänge und Fußlänge zu objektivieren. Wir hoffen auf Informationen betreffs der hohen Anzahl von Fußproblemen.

Spezifische Beinabweichungen
Vor allem bei Bosland-Creolen sehen wir häufig O-Beine. Bei den Hindustanern sehen wir oft typische Beinlängendifferenzen. Diese Abweichungen geben im Alter oft Störungen im Gangbild. Die Beschwerden werden durch die schlechten Schuhe verstärkt.
Die Ursache muss wahrscheinlich in den ersten 2 Lebensjahren gesucht werden (Hypothese)

  • Bosland-Creolen - Tragen ihr Kind auf dem Rücken, kräftig gebunden, die Beine des Kindes li./re. um die Hüften der Mutter.
  • Hindustaner - Tragen ihr Kind einseitig auf der Hüfte, das vordere Bein kann sich frei entwickeln, das hintere Bein wird im Wachstum gehemmt und bildet ein leichtes O-Bein.


Der „Tropenfuß“
Der Tropenfuß weicht in der äußeren Form vom „europäischen“ Fuß ab, der Vorfuß ist breiter, der mediale Fuß ist flacher und die Zehe stehen weiter auseinander. Es zeigt sich eine dickere physiologische Hornhaut.
Aber auch innerhalb der Rassen gibt es Unterschiede. Oft sehen wir einen Plattfuß 2.-3. Grades ohne Beschwerden und Probleme. Durch die andere Fußform ergeben die europäische Schuhe natürlich viel Probleme, vor allem die Sicherheitsschuhe.

Die europäische podoposturale Norm muss hier also angepasst werden.
Die Creolen brauchen oft härtere (agressivere) Elemente, selbst wenn die Hornhaut teils entfernt worden ist. (Creolische Frauen, welche die Antibabypille bekommen, brauchen auch eine höhere hormonelle Dosierung).
Die Anpassung und Herstellung druckentlastender , mechanischer und propriozeptiver Inlays muss also abgestimmt werden auf den „Tropenfuß“, wobei Unterschiede innerhalb der Rassen mit berücksichtigt werden müssen.
Damit wir eine standardisierte Rezeptur finden können, haben wir eine eigene Untersuchung gestartet:
Von 20 Diabetespatienten wurden mit einer bereits vorher in der Literatur beschriebenen Technik Fußabdrücke erstellt. Diese Technik beinhaltet eine Dose mit Puderfarbe und Talkum worin sich der Patient stellen muss. Dann muss er über eine 5 m lange und 1 m breite Pappe laufen. Hier werden mindestens 5 Fußabdrücke genommen.



Wir berechnen bestimmte Parameter

  • Gangwinkel
  • Spurbreite
  • Schrittlänge
  • Fußlänge

Ein Transparent mit Längslinien wir über die Pappe gelegt und liefert Informationen über Fußabdruck und Hackenabdruck. Die Abdrücke werden jeden Monat wiederholt. Die ersten ohne Inlay und die folgenden fünf mit Inlay. Somit gibt es pro Person sechs Abdrücke. Die Beurteilung erfolgt nach ANOVA.
Es liegen noch keine Ergebnisse vor, da noch keine Messungen mit Inlay vorhanden sind.
Es wurde aber bereits festgestellt, dass druckentlastende Inlays bei Diabetes mellitus Patienten eine besseres Gangbild zeigten und eine Verbesserung der Spitzenbelastung pro cm² ergaben.
PROPRIOZEPTIVE Inlays nach Bourdiol haben wohl einen Effekt, die Theorie nach Bourdiol hier aber fraglich. Bourdiol spricht in seiner Hypothese über den Plattfuß als patho-physiologisches Konzept. In den Tropen aber gibt es platte Füße (wir sagen schon Flachfüße) ohne Standabweichung oder Überlastung (auf Abdruck oder Podoskop).

Weil die Hypothese von Bourdiol nicht so auf den „Tropenfuß“ passt, habe ich für diesen Zweck ein geeigneteres Konzept aus den Publikationen von W.R. Duncan u.a. als Grundlage genommen.
Die Forscher identifizierten 4 Stellen unter dem Fuß, die bei Stimulation einen tonischen Reflex auslösen.

  • Zehgreif Reflex
  • - Flex. und Add. der Zehe- Stimulation an Basis 2. und 3. Zeh- Tonuserhöhung und Plantarflex.
  • Inversionsreflex
  • - Stimulation mediale Seite in Nähe Caput MT 1- Mm. Tib. ant. und post.- Zehe nach medial
  • Eversionsreflex und Zehspreizung
  • - Stim. In Höhe Caput MT 5- Mm. Peronei vor allem brevis
  • Dorsalreflex
  • - Stim. Plantar Calcaneus- M. tibialis ant.

Druck oder Druckentlastung auf diese Elemente scheinen eine kinematische Kette auszulösen. Einige Punkte kommen mit der Bourdiol-Sohle überein. Einige Punkte sind mehr ein Kombinations-Inlay (Propriozeptiv / Biomechanisch).

Momentan arbeiten wir in Surinam nur noch mit der Bourdiolmethode. Eine vergleichende Studie mit gesunden Testpersonen verschiedener Rassen wäre interessant, vor allem wenn man die verschiedenen Fußformen betrachtet.

Aktuelles

 

Am 3 November 2018 fand in den Niederlanden in Soest eine Fachfortbildung zum Thema "Schmerz- ein biopsychosoziales Phänomen" mit Herrn Drs. Vincent van Pelt statt.

Op 3 november 2018 vond in nederland in Soest de Cursus "Pijn - een biopsychosociaal fenomeen" met Drs. Vincent van Pelt plaats.

hier een bericht

 

Nächster Jahreskongress der IFPB vom 29. - 31. März 2019  wieder in Rummelsberg

Hier das Programm  Duits   Nederlands

  

Mitteilungen:

Bitte informieren Sie uns über etwaige Adressänderungen, damit wir die Mitgliederliste aktuell halten können.
Zu finden unter: Mitglieder